Texte

Willkommen auf der Textsammlung-Seite! Hier finden Sie eine kuratierte Auswahl meiner Ausstellungs- und Katalogtexte und Presseartikeln. 

Vernissage

Hilleckes Gallery

Wielandstraße 30

10629 Berlin

Aus mir nicht bekannten Gründen
 

Aus mir nicht bekannten Gründen, dieser Gedanke Marina Herrmanns zum Arbeitsbeginn ihrer kommenden Ausstellung, findet sich von leichter Hand hingeworfen auf einem Büttenpapierfetzen, zusammen mit Farbproben und den Ergänzungen ‚Arbeitstitel‘ und ‚Pandemische Pop-Art‘. Zufälliges Fundstück der beglückten Galeristinnen bei einem Besuch im Kölner Atelier Herrmanns, spannte sich doch augenblicklich ein wunderbar avantgardistischer Theoriebogen durch die Kunstgeschichte der Moderne bis hin zur Contemporary Art. Mit dem Ausstellungstitel „Aus mir nicht bekannten Gründen“ zitiert Marina Herrmann frei nach dem Titel einer Arbeit Sigmar Polkes: „Höhere Wesen befahlen: Rechte obere Ecke schwarz malen! “ (1969). 

Beide Künstler ironisieren damit die abgedroschene Frage nach der Entstehung der Kunst auf inhaltlicher Ebene: „Was will der Künstler, die Künstlerin uns eigentlich damit sagen?“ Polke sabotiert die Frage, indem er vorgibt fremdgesteuert zu sein und bezieht sich mit seinem schwarzen Dreieck zudem indirekt auf eine Ikone der Moderne, "Das Schwarze Quadrat" von Kasimir Malewitsch, ein Versuch Malewitschs, die Kunst von der Schwere der Dinge zu befreien, ein Empfinden von Gegenstandslosigkeit heraufzubeschwören. Herrmanns Antwort hingegen spielt den Ball schlagfertig und selbstbewusst zurück. 

Gute Kunst erklärt sich nicht, sie passiert. Nicht im Sinn von gestisch expressiver Kunst, Herrmanns Kunst ist intellektuell durchdacht, aber im Sinne von ‚Kunst kommt von Machen‘. Mit dem Untertitel Pandemischen Popart nimmt sie zudem ihre Verortung in der Kunstgeschichte ohne Umschweife in die eigenen Hände. Souverän erklärt die Künstlerin wie sie ihre Kunstwerke verstanden haben will und konterkariert dadurch ebenso wie ihr Künstlerkollege, ihren eigenen Ausspruch. Zwingend aus Sicht der Galeristinnen also die Entscheidung aus den oben genannten Gründen den 'Arbeitstitel' Titel werden zu lassen und das Corpus Delicti des Büttenpapierfetzens zur Einladungskarte zu adeln.

Der altgriechische Künstler Zeuxis  malte vor 2.400 den Hera-Tempel der Kolonie Kroton aus. Helena, die schönste Frau des Altertums sollte darin an zentraler Stelle gewürdigt werden. Überzeugt, dass vollendete Schönheit nicht in der Natur zu finden, aber in der Kunst herstellbar sei , wählte er unter den jungen Krotonerinnen die schönsten fünf und setzte aus den jeweilig schönsten Ansichten und Körperteilen dieser Frauen schließlich das Bildnis Helenens zusammen. So jedenfalls erzählt es eine Legende, die seit Plinius dem Älteren und Cicero, von der Antike übers lateinische Mittelalter und bis in die Neuzeit immer wieder verwertet wurde, wenn es um die Kunstfertigkeit des Malers ging und wenn vor allem die Überlegenheit der Kunst gegenüber der Naturschöpfung zur Sprache gebracht werden sollte.
Allerdings hält sich bis heute ein Unbehagen an dieser Legende: Ist es nicht so, dass in der bloßen Addition idealer Detail-Schönheiten ein Gesamtbildnis herauskommt, das eines wichtigen Kriteriums entbehrt -- eines Kriteriums, das unabdingbar ist, wenn wir nicht die Edle-Einfalt-stille-Größe eines fernstehenden Götterbildnisses erzielen wollen, sondern das physische Antlitz und die physische Gestalt eines wirklichen, konkreten und nahen menschlichen Wesens -- des Kriteriums der Individualität? Entsteht nicht in der Kombination jener jeglichen Makels barer Teile bloß ein seelenloses, ausdrucksloses  Werk, das ähnlich heutiger Models uns in einer irritierend regungslosen Distanz weder anschaut noch anlächelt und nur auf sehr allgemeine Weise schön ist, also gar nicht?
Marina Herrmann arbeitet seit Jahren wie Zeuxis und kommt dennoch zu ganz anderen Ergebnissen. Wenn auch die menschliche Gestalt in Herrmanns Kunst eine untergeordnete bis gar keine Rolle spielt, so ist ihre Arbeitsweise doch mit der des alten Griechen vergleichbar. Einzelne, analytisch gewonnene und bewertete Elemente eines Gesamtkörpers - in Herrmanns Kunst geht es um Architektur - werden in einem synthetischen Verfahren zu einer neuen, verdichteten Gesamterscheinung gebracht. Dabei arbeitet sie - und das ist eine dem Griechen aus Gründen des technologischen Fortschritts nachzusehende Differenz - multimedial. Fotodokumentation, malerische Analyse und digitale Verfremdung gehen in den Bildern Herrmanns ein Ganzes ein.


Zuerst ist da die Analyse: Aufnahmen von Architekturen, Lichtkörpern, Spiegelungen an Häuserfassaden werden auf die Verwertbarkeit von Details hin überprüft. Die Aufnahmen werden dazu durch Detailvergrößerung per Computer bereits leicht verfremdet. Sich auf diese Weise abzeichnende farbliche und formale Eigenheiten des jeweiligen Bildobjektes seziert Hermann nun und überträgt diese Elemente auf je eigene Bildträger. Dabei werden diese Elemente teils rapportartig wiederholt (hier setzt das synthetische Verfahren an) und so in eine eigene Bildordnung gebracht. Der Rhythmus erscheint dabei als eigenständiges Gestaltungsmittel neben Farbe, Fläche, Linie. (Der Rhythmus als Bildelement ergibt übrigens einen ersten Zusammenhang mit der Perkussion, die Sebastian Strauss' heute Abend ins Bild setzen wird.) Diese je eigenen Bildkörper werden nun nie separiert, sondern immer in den Kontext mit den übrigen "Bildausschnitten" und dem "Ursprungsbild" zurückgeführt. In dieser Weise hat Hermann vor circa 15 Jahren damit begonnen, zwei- bis sechzehnteilige, teils großformatige Bildergruppen auf flachen, rahmenlosen Holzkästen zu schaffen; die Holzkörper eines jeden Ensembles aus verfremdetem Ursprungsbild und sezierten Einzelbildern werden so dicht neben- und übereinander gehängt, dass ein einiges Gesamtbild entsteht.
Marina Hermanns Arbeiten auf transparenter Folie sind eine Fortsetzung dieser Werkgruppe. In ihren unter der Bezeichnung "Stand Orte" zusammengefassten, ab etwa 2003 projektierten Arbeiten hat sie zunächst das aus der Sukzession von Analyse und Synthese bestehende Verfahren konsequent auf Architekturfotografien angewandt. In der darin bereits angelegten und ab etwa 2007 konsequent verfolgten Serie "towers" - das sind extrem hochformatige (250 x 50 cm) Bildpaneels von signifikanten Hochhäusern verschiedener Weltstädte - ist die verfremdende Farb- und Strukturanalyse jeweils in nur einem Bildkörper durchgeführt. Hier ist der vertikale Rhythmus das entscheidende Moment des Bildaufbaus. Die Frage, die Marina Hermann dabei verfolgt, ist die nach der Widerspiegelung einer jeweiligen Kultur in der modernen Stadtarchitektur: „Mit meiner Methode möchte ich zu einem anspruchsvolleren und komplexeren ästhetischen Verständnis der urbanen Strukturen dieser Megacities beitragen, das jenseits der bekannten Postkartenansichten angesiedelt ist. Damit sollen (...), Konvergenzen und Unterschiede der Globalität freigelegt werden. Gleichzeitig stelle ich mir die Frage nach der Erhaltung regionaler Originalität.“ Die Zerlegung der gegebenenfalls in benachbarten Glasfassaden sich spiegelnden und damit bereits als verfremdet vorgegeben Architekturen  in ihre signifikanten Elemente (Farbe, Rhythmus, Linie) ist dann in der Synthese, in der im Einzelbild wieder verdichteten Zusammenschau dieser Elemente die Hervorbringung von Einzelnem, Besonderem, Individuellem. Zeuxis brachte mit seiner Kompositionsweise allenfalls das diffus-trockene Allgemeine im Sinne Platons unerreichbarer Ideenwelt zur Anschauung. Mit Hermanns Arbeitsweise lässt sich  das individuelle Allgemeine (die kulturelle Eigenart einer Nation, eines Volkes, einer Stadt) vergleichbar mit Aristoteles' Substanzbegriff vom ganz konkreten Einzelding darstellen. "Sokrates ist eine Substanz, der Knackpunkt, das Allgemeine, Ousía." "Das Empire State Building ist ein Allgemeines, der Knackpunkt, eine Substanz." Und so entdeckt der Betrachter in den verspiegelt verfremdeten Fassaden der New York-Towers Andy Warhols "Flowers" oder Robert Indianas LOVE-Hieroglyphen, Archetypen der New Yorker Kunstszene der 1960er Jahre. In den Frankfurt-Towers entdeckt er die korrekt gesetzten Grisaille-Töne zweiteilerüberhemdtragender Manager und Finanzjongleure, in den Tokyo-Towers die wabenartige Struktur der millionenstädtischen japanischen Wohnverhältnisse, in den Shanghai-Towers massenhaft auftretende, den stilisierten chinesischen Schriftzeichen  ähnliche lineare Strukturen. In den Dubaitowers begegnet uns der goldöldurchtränkte Wüstensand oder in den Sao-Paulo-Towers der grüngespiegelte, undurchdringliche Schein des nahen brasilianischen Regenwaldes. Die viel und zu Recht beklagte gesellschaftliche Anonymität dieser Megacities wird in Hermanns Bildern nicht infrage gestellt, sie wird auch gar nicht eigens thematisiert. Der Mensch ist diesen Bildern kein konkreter, sondern nur ein sehr allgemeiner Gegenstand, der sich lediglich an den Extrempolen zwischen den Urhebern der Bildobjekte (Planer, Architekten, Erbauer und Nutzer der Bauwerke) und den Betrachtern der fertigen Bildern befindet. Aber dadurch, dass Hermann Anonymität nicht mit Uniformität verwechselt, bietet sie den Bewohnern und Nutznießern dieser Städte und den Betrachtern etwas zutiefst Menschliches - sie bietet Identität. Der goldöldurchtränkte Dubai-Tower kann nur in Dubai stehen und nicht in Frankfurt am Main, der Frankfurt-Tower nicht in Tokio, der Tokio-Tower nur in Tokio.


In der Rauminstallation "Coloured City" hängt Marina Hermann nun die auf transparente Folien gedruckten "Towers" hinter- und nebeneinander in den Raum. Dazwischen befinden sich in immer gleichem Abstand meist monochrome und im großen Duktus bemalte Folienbahnen, welche als sezierte farbige Konzentrate Überleitungen und Verbindungen zwischen den einzelnen Towers herstellen. "Transparente Bahnen mit Fotos von international bekannten Architekturen zerschneiden den Raum und schaffen Nischen, Plätze und Wege." Die Städte sind hier in der Gesamt-Durchschau und im Durchgang zu einem globalen Gebilde verdichtet. Frankfurt am Main, Tokyo, New York, Sao Paulo, Shanghai, London, Dubai werden zu Suburbien eines Weltstadtgebildes, und bleiben dennoch wie Bevölkerung und Mentalität eines Veedels individuell.


Sebastian Strauss' anlässlich der Vernissage entwickelte Perkussion durchläuft diese Weltstadt kongenial:
Es gibt zwei Teile die miteinander kombiniert werden: Einen "freien atmosphärischen" und einen "konzeptionellen geregelten". Für den konzeptionellen Teil habe ich die geodätischen Koordinaten der ... fotografierten Metropolen genommen, und habe sie in einen rhythmischen Code umgeschrieben. Auf diese Weise sind dann für die einzelnen Städte ganz individuelle rhythmische Patterns entstanden. So wird z. B aus New York City mit den Koordinaten:  40° 42' 46? N, 74° 0' 21? W eine 32 Achtel Noten lange Figur die sich aus den Takt-Einheiten 4,4,2,4,6,7,4,1 zusammensetzt. Aus Tokyo mit den Koordinaten: 35° 40' 0? N, 140° 0' 3? E wird eine 20 Achtel Noten lange Figur mit den Takt-Einheiten 3,5,4,1,4,3. Das klingt ganz interessant, da durch die Mischung von ungeraden und geraden Taktarten zum Teil recht schwer durchschaubare rhythmische Strukturen entstehen.


Für den atmosphärischen Teil habe ich aus meinem Schlagzeug eine Art Schnurtelefon gebaut. Ein in der Mitte des Trommelfells angebrachter Draht erstreckt sich über eine gewisse Distanz durch den Raum und wird  Am Ende über ein Becken (Zimbel) gelenkt und an einem Hebel befestigt mit dem die Drahtspannung/ Fellspannung variiert werden kann. Dadurch entsteht ein schwingendes System. Ich spiele dann nicht mehr auf der Trommel (die irgendwo stehen kann), sondern auf dem Draht und auf dem Becken. Die Drähte können auch mit einem Geigenbogen gestrichen werden. Das Ganze funktioniert auch über sehr große Distanzen. Ich kann zum Beispiel das Becken zum Schwingen bringen und in 25 Meter Entfernung fängt die Trommel an zu klingen. Die Klänge die ich damit erzeugen Kann sind sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht von dröhnenden Tiefbassschwingungen (wir hatten ja über das dröhnen der Stadt gesprochen) über warme fast schon celloartige warme Klänge, bis hin zu hohen "singenden" Frequenzen.

Dort, wo bei Marina Hermann das genuin sprachlich/musikalische Element des Rhythmus ihren Bildern den individuellen Klang gibt, setzt Strauss' im Raum installierte Musik ein der Malerei wesenseigenes Element ein: die Linie (!) d.i. eine Strecke zwischen zwei Punkten im zweidimensionalen Raum. "Musik als Erlebnis von Raum" ist ein alter Hut. Solche Topoi gibt es seit zweieinhalbtausend Jahren, als die ersten tragischen Chöre ins Athener Dionysos-Theater einzogen. In Strauss' Klanginstallation wird das musikalische Raumerlebnis jedoch auf die lediglich zwei Dimensionen, welche traditionell der Malerei gemeinhin zur Ausbreitung ihrer Mittel zur Verfügung stehen sollen, zurückgeführt. So wie diese Musik den künstlerischen Raum durchläuft, so bewegen wir uns durch die Gassen, Straßen und Avenues einer Stadt von A nach B und durch Marina Herrmann Weltstadt.

© Markus Juraschek-Eckstein, Stahlhuthstraße 1, 51429 Bergisch Gladbach
 

Die Kölner Künstlerin Marina Herrmann arbeitet an einem internationalen Projekt namens „Standorte“. Dabei 

untersucht sie, wie weit sich im heutigen Zeitalter der Globalisierung die jeweilige Kultur in der modernen Architektur der Städte widerspiegelt

Nach einer Recherche vor Ort übersetzt sie in einem zweiten Arbeitsschritt fotografische Motive in die Malerei, wobei im Laufe des Malprozesses oft eine Auflösung des Sujets in ornamentale Strukturen erfolgt. Die Malerei entfernt sich schließlich so sehr vom fotografischen Ausgangsmaterial, dass für den Betrachter keinerlei ikonografische Rückbezüge zum konkreten Ort der Aufnahme mehr möglich sind

Die Kombination von Malerei und Fotografie ist als eine spezielle Form der Analyse zu begreifen. Zum einen ist die fotografische Erfassung des Sujets ein analytischer Prozess, zum anderen „spielt“ die Malerei mit den innerhalb der Fotografie vorgefundenen Grundelementen und benutzt sie für eine bildnerische Analyse. Auf diese Weise werden Struktur und Farbe extrahiert und erhalten einen eigenen Raum, so dass nicht etwa der Vergleich der Architekturen im Vordergrund steht, sondern die bildnerische Aufarbeitung der Situation vor Ort.

Die Fotografie hat hier mithin nicht mehr die Aufgabe, realistische Abbildungen von Gebäuden oder Plätzen zu liefern. Sie ist zwar ein praktisch nützliches wie ästhetisch relevantes Medium für eine Materialsammlung vor Ort, aber im fertigen Bildkomplex kommunizieren dann die fotografischen und die ornamental-malerischen Teile gleichwertig miteinander. Als Malerin ist Herrmann an Strukturen und an den optischen wie stofflichen Eigenheiten der Farbe interessiert. In der „Lautstärke“ der Farben spiegelt sich das Temperament einer Stadt wider; ebenso in der strukturellen Ordnung ihrer baulichen Formen und vor allem ihrer Fassadenraster, die in der malerischen Übersetzung mal wie ein strenges Gittergeflecht, mal wie ein gehäkeltes Gardinenmuster anmuten.
 

Nachdem Marina Herrmann sich zunächst mit den Städten Köln, Frankfurt/M., Berlin und New York beschäftigt hatte, unternimmt sie nun einen Vergleich zwischen den Mega-Metropolen Tokyo, Shanghai, São Paulo und Dubai.
 

Zufälligerweise sind dies alles Städte, die in ihrem jeweiligen Land auch das Zentrum der Ökonomie und Finanzwirtschaft darstellen, die für das bauliche Erscheinungsbild einen prägenden Einfluss hat. Es sind bekanntlich weltweit oft immer nur dieselben prominenten Architekten, die in jenen Städten markante Bauten errichten. Obwohl man dieser globalisierten funktionalistischen Architektur einen hohen Grad an ästhetischer Standardisierung und Uniformität nachsagt, so lässt sich dennoch vor Ort feststellen, dass diese Architektur sich dennoch konkret an das jeweilige urbane Lebensgefühl der Bewohner anpasst.

Natürlich spielen auch Fragen nach der politischen und kulturellen Geschichte und ihrem Einfluss auf die Entstehung der Stadt eine Rolle, ebenso Fragen nach den soziologischen Gegebenheiten als Teil ihres heutigen urbanen Charakters. Die infrastrukturellen Funktionen und die Sitten ihres jeweiligen Gebrauchs im Alltag liegen jedoch nicht im künstlerischen Blickfeld des Projekts „Standorte“. Als Motiv wählt Herrmann die jeweilige Architektur immer nach ihrer ästhetischen Bedeutung aus, und nicht etwa nach ihrem folkloristischen Bekanntheitsgrad als lediglich scheinbarer Chiffren für urbane Identität.

In der Ausstellung sind Exponate zu sehen, in denen die Künstlerin Material aus Tokyo und Shanghai bearbeitet hat. Die Werkreihe mit dem Arbeitstitel „Towers“ besteht aus langgestreckten vertikalen und raumfüllend inszenierten Arbeiten. Generell sind die Werke nicht wie flache Leinwand-Tafelbilder konzipiert, sondern durch die Seitentiefe des Bildträgers wirken sie wie voluminöse Bildobjekte oder gar –kästen. Des Weiteren verdient vor allem die „Spread over“-Wand im hinteren Raum der Galerie eine Erwähnung – hierbei handelt es sich um eine Ausbreitung kleinformatiger Bilderr mit einer poetischen Kombination von reiner Fotografie und reiner Malerei im freien Spiel.

Ein weiterer Ausstellungsort steht schon für 2009 in Tokyo fest. Ein geplantes Buchprojekt wird diese Ausstellungsreihe begleiten. 
 

Wir laden zur Berichterstattung ein. Reprofähiges Abbildungsmaterial stellt Ihnen die Galerie auf Anfrage gerne zur Verfügung.

Marina Herrmann fotografiert unsere architektonische Umwelt in bewegten und in sich verspiegelten Zufalls-Ausschnitten. Die visuellen Eindrücke und bildnerischen Details im Medium der Fotografie nimmt die Künstlerin zum Anlass für weiterführende Studien im Medium der Malerei. Die unmerklich digital überarbeiteten Ausgangsfotografien und die freien malerischen Module werden in einer Installation zu intermedialen Tableaus kombiniert. Auf diese Weise entsteht eine „fraktale Malerei des Urbanen“, welche die virtuellen Schichten der semidokumentarischen Aufnahmen in die Sphäre einer fiktionalen Bearbeitung übersetzt.

Der subjektive konkrete Blick der Fotografien wird in die abstrahierende Dimension der Formensprache von Graphik und Malerei transformiert. Erarbeitet wird die Ästhetik eines n-dimensionalen Raums in den Parametern Form, Farbe und Struktur, der mit den Gestaltungsoptionen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt kunstvoll spielt.

Die Künstlerin setzt das Medium Fotografie als zentrales Ausgangsmaterial ein, als Grundelement für ihre installativen Kompositionen. Die Fotografie fungiert hierbei nicht als realistisch abbildendes Medium. Sie steht jedoch auch nicht bloß im Dienste der Malerei. Fotografie und Malerei kommunizieren gleichwertig miteinander, durch Strukturen und Merkmale innerhalb jedes Mediums und darüber hinaus. Sie eröffnen dadurch gemeinsam die Dimension eines anderen malerischen Raums in der Architektur verschiedener Komponenten

Schon auf der Ebene der Fotografie klingt die Frage nach der Möglichkeit der Architektur des wahrnehmbaren Raums, die Formierung des Feldes visueller Wahrnehmungen im weitesten Sinne an. Die Bilder werden am Computer in malerischer Absicht subtil bearbeitet. Urbane Landscapes und markenförmige „Brandscapes“ mit gedecktem, kühlem Anstrich ziehen das Auge des Betrachters ebenso an wie Farbdüfte versprühende unterseeische und mikroskopische Naturformen.

Die Fotografie träumt sich digital zur Malerei hin, um sich mit ihr im Raum der Ausstellung zu einer Installation zu verbinden.

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

sicher ist, daß das Rechteck die elementare Form für Marina Herrmanns ist, denn aus dieser Form sind ihre mehrteiligen Bilder gebaut. Und gebaut ist gewiss das richtige Wort für ihre Bilder. Doch sicher ist ebenfalls, daß kein Bild aus Masse, sondern aus Ideen besteht. Marina Herrmanns Holzkästen, aus denen also ihre Ideen gebaut sind, wollen aber sicher von etwas Anderem erzählen beziehungsweise berichten. Noch vor kurzem, in den Ausstellungen der Gruppe Zeit der Bilder, waren ihre Farben eher dunkel und die Holzkästen wirkten ziemlich materialhaft. Ihre letzten Arbeiten aber, weisen helle, zum Teil sogar pastellne Farben auf und dies entspricht voll ihren Folienarbeiten, also gewollter Durchsichtigkeit, einer angestrebten “unvollkommener” Transparenz. Auch ihre kleineren Arbeiten von der Größe 18 x 24 cm, die einem Fotopapier entspricht, haben eine ebensolch helle, pastellfarbene Qualität, aber die stehen separiert in einem grosseren Zusammenhang auf der Wand. Fotografie, die eine Grundlage für Marinas Arbeiten bildet – ich meine so, wie sie von Ihr per Computer bearbeitet ist - ist anscheinend nicht mehr das Medium, das die Wahrheit kopiert. Und das kann die tiefere Bedeutung der Bilder und der Medien überhaupt und auch die Auffassung von Marina Herrmann sein. Die glatte Oberfläche ihrer Arbeiten, vor allem da, wo es sich um monochrome Teile handelt, bildet die Stimmung des grossen Ganzen, wogegen die angewandte Fotografie “erzählt” eher von anscheinend anderen, aber eindeutig unklaren Tatsachen. Der Betrachter wird nicht aufgefordert die ursprünglichen Vorlagen zu erraten, er bekommt nur die Möglichkeit die visuallisierte Stimmung zu sehen, wenn er sensibler ist, vielleicht auch zu verstehen. Es handelt sich um eine Stimmung, die erzeugt wurde, als Marina Herrmann beim Ursprung war, oder den Ursprung irgendwo fand. 

InSicht, so der Titel der Ausstellung, ist also nur ein Teil des Sichtbaren. Die injizierte Distanz zwischen dem Betrachter und dem Gesehenem läßt eben nur das Ungenaue genau erfassen. Jeder Betrachter kann eben nur das sehen, was er zu sehen, oder zu erkennen fähig ist. Dadurch wird von Neuem die individuelle Sichtweise einerseits thematisiert, andererseits bestätigt beziehungsweise hervorgerufen. Um die Worte von Marina Herrman zu paraphrasieren: Nichts ist zwar so, wie es scheint, aber anscheinend ist alles Insicht
 

Zdenek Primus

Pressetexte

KALKAR. Die rote Farbe zieht Jörg Happel vom Niederrheinischen Kunstverein beim Besuch einer Kölner Ausstelllungsmesse an. Beim genauen Betrachten entdeckt er in dem dreiteiligen Bild eine Fotografie neben einer Struktur und Ornamenten. „Die monochrome Farbreihe hat mich fasziniert. So etwas in dieser Art hatte ich noch nie gesehen“, erinnert er sich und der Wunsch wuchs, die Künstlerin dieses Werks kennenzulernen und sie nach Kalkar zu holen.

Es ist Marina Herrmann aus Köln. Von 1988 bis 1994 hat sie Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert. „Zu der Zeit war Gegenständliches verpönt“, blickt sie zurück. Geprägt von der Abstraktion, fand sie ihren eigenen Weg der Darstellung, indem sie Fotos anfertigte und diese verfremdete. „Malerei ist für mich das wichtigste“, betont sie und erklärt, wie sie mit einem Foto als Ausgangspunkt in einem konstruktiven Prozess Anordnungen festlegt, farbliche Manipulationen vornimmt und so ein ganz neues Werk erschafft. „Das Foto sucht Freunde“, schmunzelt sie bei der Beschreibung ihrer Arbeitsweise. Ihre Worte begreift der Betrachter, sobald er sich auf ihre Bilder einlässt, sie wirken lässt.

Dies wird möglich im Städtischen Musum Kalkar, wo am Sonntag um 12 Uhr die Ausstellung mit dem Titel „Ausschau“ eröffnet wird. Im unteren Raum zeigt Marina Herrmann „StandOrte“- das sind zum Beispiel Bilder aus New York und Sao Paulo. Mag sein, dass ihr sozialwissenschaftliches Studium den Blick geschärft hat für Einflüsse, die eine Stadt prägen – es ist ihr gelungen, die Seele von internationalen Metropolen einzufangen. Von dem ursprünglichen Foto ist nichts Konkretes mehr geblieben, stattdessen hat die Künstlerin durch konstruktiv-geometrische Zusammenstellung einzelner ausschnitthafter Bildteile ein neues Bild geschaffen, bei dem sie unterschiedliche Materialien verwandt hat. Auch wenn der Betrachter nicht auf Anhieb etwas „wiedererkennt“, so wird er doch das Temperament der Stadt erfassen und ebenso die Unterschiedlichkeit der besuchten Weltstädte.

Diese Werke entstanden zwischen 2008 und 2010, neuere sind im oberen Raum des Museums zu sehen – und auch wenn man den Titel der Ausstellung „Ausschau“ nicht kennt, lässt er sich sogleich erahnen.
Drei Arbeiten auf Plexiglas entstanden in der Akademie in Düsseldorf. „Die Studenten der Grafikklassen haben ihre Fesnter bemalt und eingeritzt“, erklärt Marina Hermann und weiter: „Ich habe sie dann fotografiert, farblich manipuliert und auf Plexiglas gedruckt. Der Ausblick in die Stadt ist zu sehen und gleichzeitig die Spuren der Studenten.“

Ausschau wird auch gewährt bei den Skulpturen aus Plexiglas. In Würfelform angeordnet sieht man Zahlen, je nach Blickpunkt spiegelt man sich auch selbst, wenn man reinschaut. An diesem „Spionglaseffekt“ hat Marina Herrmann selbst sichtlich Freude. die Anregung dazu erhielt sie beim Besuch in London. Die Installation der Kardinalzahlen des amerikanischen Künstlern Robert Indiana spiegeln sich im Financial District. Das hat die Deutsche so inspiriert, dass dieSpiegelungen im Bankgebäude ihr als Fotomotiv dienten. „Oben auf dem Würfel habe ich die Null angeordnet“, schmunzelt sie in Anspielung auf die Rolle der Banken in der Weltwirtschaft – ein höchst politisches Thema, das sie spielerisch umgesetzt hat.

Unter „Ausschau“ sind auch die beiden roten dreiteiligen Bilder zu sehen, die Jörg Happel so fasziniert haben. Warum wird er am Sonntag, 10. Januar um 12 Uhr in seiner Eröffnungsansprache erläutern. Der Verein der Freunde Kalkars lädt herzlich zum Besuch der Vernissage ein. Bis zum 6. März werden die Bilder (montags und dienstags von 11 bis 13 Uhr,

mittwochs bis sonntags von 11 bis 17 Uhr) zu sehen sein. Der Eintritt ist frei.

Marina Herrmann fotografiert die urbane Welt in bewegten und in sich verspiegelten Zufalls-Ausschnitten. Sie sucht nach Ausschnitten, Spiegelungen oder Details, die eine Vorstellung des sich gegenseitig bedingenden Geflechts von Urbanität und kulturellem Gedächtnis hervor rufen

Die Künstlerin scheint mehr an allgemeinen Strukturen von Wolkenkratzern, denn an spezifischen Merkmalen des einzelnen Gebäudes interessiert zu sein. Und doch vermitteln die Bilder ländertypische Besonderheiten, geben eine Vorstellung der sich gegenseitig bedingenden Matrix von Gebäude, Stadt und ihren vielfältigen kulturellen und sozialen Bezügen. 

Der subjektive konkrete Blick der Fotografie wird in die abstrahierende Dimension der Formensprache von Graphik und Malerei transformiert. Er arbeitet in den Parametern Form, Farbe und Struktur, der mit den Gestaltungsoptionen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt kunstvoll spielt.

Marina Herrmann zeigt, dass die Wirklichkeit mit ihren mannigfaltigen Erscheinungen Ausgangspunkt ihrer Bilder ist, und zwar aller, auch der ungegenständlichen, denn alles Abstrakte entwickelt sich aus der Wirklichkeit und spiegelt sie im wörtlichen Sinn.

StandOrte

- die Ästhetik eines n-dimensionalen Raums

New York, Frankfurt, Tokio, Shanghai – egal, in welcher Megacity wir uns befinden: die Wahrzeichen von Geld und Macht ragen schlank Richtung Himmel, ihre Fassaden glänzen, wirken transparent und abweisend zugleich. Die Künstlerin Marina Herrmann hat die Finanzmetropolen der globalisierten Welt besucht, fotographische Befunde gesammelt und wirft die Frage auf, wie die jeweilige Kultur sich in der modernen Architektur der Städte widerspiegelt.

Hermanns fotographische Recherche ist nur der Anfang ihrer internationalen Arbeit. Ihre fotographischen Befunde dienen nicht der realistischen Erfassung von Plätzen und Gebäuden. Die Aufmerksamkeit der Künstlerin gilt unterschwelligen, beiläufigen Elementen, die sich in eigenwilligen Mustern, Strukturen und Farben äußern. Ihre Fotografien sind Kondensate und Kristallisationspunkte, bewegte und in sich verspiegelte Zufalls-Ausschnitte, deren Parameter Marina Herrmann in der Formensprache von Grafik und Malerei weiter transformiert und auffächert. Ihre Kombination von Malerei, Graphik und Fotographie ist als eine Form der Analyse zu begreifen. Auf diese Weise erfasst die Kölnerin den jeweiligen urbanen Ort in der Ästhetik eines n-dimensionalen Raums. In ihren schmalen und zugleich raumhohen Werken inszeniert Hermann ein poetisches Spiel mit den Gestaltungsoptionen der sichtbaren und unsichtbaren Welt. 

Auch wenn weltweit oft immer dieselben Architekten die markanten Bauten der Metropolen errichten: Die Werkreihe mit dem Arbeitstitel „Towers“ lässt die unterschiedlichen Dimensionen von Rhythmus und Lautstärke der jeweiligen Stadt erahnen, die sich in diesen Gebäuden spiegeln. „Mit meiner Methode möchte ich zu einem anspruchsvolleren und komplexeren ästhetischen Verständnis der urbanen Strukturen dieser Megacities beitragen, das jenseits der bekannten Postkartenansichten und Schauwerte angesiedelt ist. Damit sollen Spuren, Konvergenzen und Unterschiede der Globalität freigelegt werden. Gleichzeitig stelle ich mir die Frage nach der Erhaltung regionaler Originalität, vor allem im Bereich der Kultur.“

 

Botschaft der Schönheit 

Erhard Witzel: Malerei und Fotos von Marina Herrmann 

Vom 09.05.2006
 
AS. WIESBADEN Man könnte sie auch "Blumen" nennen, aber "Flowers" klingt wohl "cooler". Die so betitelten, auf Holzkörper aufgezogenen Originalfotos von leuchtend farbigen Quallen sind eine ekstatische Hingabe an die Schönheit, welche die Natur selbst hervorbringt. Blütenähnliche Strukturen in zauberisch emailhaften Farbharmonien aus kostbar sich verwebendem Türkis, Blau und Rosa zu geheimnisvoll schimmenden Smaragden. Marina Herrmanns im Flur der Galerie Witzel arrangierte Foto-Objekte. 

Die Fotografie erlaubt, was die Malerei sich nach tausend Jahren Stilgeschichte nicht mehr gestattet: Botschaft von Schönheit zu sein. Aus dieser Spannung leben Hermanns `eigentliche` Arbeiten. Collagen, zusammengesetzt aus präzisen Quadrat- und Rechteckformen, welche die Möglichkeiten bildhafter Darstellung thematisieren und zu einer Komposition zusammenfassen. Struktur und Farbe des überblendeten, verzerrten Farbfotos einer Fassade zum Beispiel wird in einem parallelen Quadrat in analoge Farbzeichnung übersetzt - Quadratmuster aus freier Handzeichnung, darüber ein Netz wellenförmig aufgelöster Quadratfiguren. Unter diesen beiden sind zwei Quadratfarbfelder arrangiert, welche das signifikante Blau und Grünschwarz in monochrome Flächenmalerei umsetzen. Die vier Quadratsegmente fügen sich mit sattem Firnis überzogen zum neuen, aus den Facetten malerischer, grafischer und fotografischer Bildrealisation gewonnenen konstruktiven Bild. Ein Modulationsprinzip, das in der Gesamtschau seinen ästhetischen Reiz hat. 

bis 24.5., Kaiser-Friedrich-Ring 63, di.-fr., 14-19 Uhr, sa., 11-15 Uhr 

FAZ vom 4.2.03

Zur Ausstellung Zeit der Bilder, Kunstverein Friedberg

Marina Herrmann kombiniert neue Medien und den Inbegriff der Abstaktion, das einfarbige Quadrat, zu spannenden Objekten, in denen sie ein aktuelles Thema – das nämlich nichts mehr ist, was es zu sein scheint – ästhetisch gelungen umsetzt. Am Computer farblich bearbeitete Fotografien ... umbaut sie mit bemalten Holzkästen, die von ihrer Oberfläche und den Farben her verschiedene Strukturen aufweisen. Über allem liegt eine glänzende Schicht aus Alcydharz, die den Betrachter einerseits abschirmt, seine Welt durch den Spiegeleffekt jedoch zugleich einbezieht und ihn damit förmlich zum Dialog zwingt.“ Regine Seipel (Frankfurter Rundschau, Februar 2003)

Katalogtexte

StandOrte

Dr. Frank Schmidt 

(Leitung des Paula Modersohn-Becker Museums, des Ludwig Roselius Museums und der Bernhard Hoetger Sammlung in Bremen)

Wo entstehen Kunstwerke? Der rezeptionsästhetische Ansatz, nach dem Bilder im Kopf des Betrachters und vor dem Hintergrund von dessen soziologischer, kultureller und individueller Prägung entstehen, muss hier einmal außer acht gelassen werden. Vielmehr sollen die verschiedenen Produktionsorte betrachtet werden. Für ihre jüngste Werk-Serie sucht Marina Herrmann zumeist Metropolen wie New York, Tokyo, Shanghai oder Dubai, aber auch das vergleichsweise überschaubare Frankfurt auf. Dort widmet sie sich einer der spektakulärsten Aufgaben von Architekten und Städteplanern, den zumeist Banken beherbergenden Hochhäusern. Im Unterschied zur Aufnahme etwa eines Architekturfotografen werden uns mitunter verwackelte Ansichten, Ausschnitte, Spiegelungen oder Details der Architektur präsentiert. Die Künstlerin scheint mehr an allgemeinen Strukturen von Wolkenkratzern, denn an spezifischen Merkmalen des einzelnen Gebäudes interessiert zu sein. Und doch vermitteln die Bilder ländertypische Besonderheiten, geben eine Vorstellung von dem sich gegenseitig bedingenden Geflecht von Gebäude, Stadt und deren vielfältigen kulturellen und sozialen Bezügen. Da es sich um ein offenes, noch lange nicht abgeschlossenes Projekt handelt, können hierfür im Zuge weiterer Reisen andere Standorte erschlossen werden. Marina Herrmann lässt es jedoch nicht bei einer typologischen Sammlung fotografischer Eindrücke bewenden. In einem weiteren Schritt eignet sie sich die Bauwerke an, indem sie das wechselseitige Verhältnis von Abbild, Wirkung und Identität thematisiert. 

Der zweite und ungleich wichtigere Entstehungsort des Werkes ist das Atelier. Hier wird die fotografische Vorlage nochmals am Computer verfremdet und in ein malerisches Umfeld eingebettet. Durch eine lasierende Übermalung der Fotografien werden diese selbst in ihrer materiellen Präsenz zu Malerei. Die bereits mehrfach gebrochene Realität der Architektur tritt in Dialog mit der malerischen Interpretation der Künstlerin. Die verschiedenen Bedeutungs- und Wirkungsebenen finden dabei ihren sichtbaren Ausdruck im mehrteiligen Gestaltungsprinzip der Werke. Einzelne tiefe Bild-Kästen – jeweils mit unterschiedlichen Motiven – fügen sich zu einer Art Polyptychon. Angeregt durch die verfremdete fotografische Vorlage findet Marina Herrmann Farben und ornamentale Formen, die sie in Bezug zu dieser setzt. Die außerbildliche Realität hat ein Gegenüber erschaffen, das noch auf jenes verweist, darüber hinaus aber auch eine autonome Bildsprache beansprucht. So erscheinen die Ornamente und abstrakten Farbflächen ebenso real oder künstlich wie die Fotografien. Können letztere zwar noch für sich in Anspruch nehmen, eine Referenz zum ursprünglichen Gebäude herzustellen, sind erstere in einem auf sich selbst verweisenden Sinne konkret. Die faktische Unterteilung in einzelne Bild-Kompartimente unterstreicht dies. Ein Teil des Polyptychons kann die anderen nicht rekonstruieren. Allein durch die Verbindung aller Teile fügt sich das Bild.

Marina Herrmann schafft so eine irritierende Bildrealität, die wiederum auf die Ausgangssituation, jene urbanen Architekturen, verweist. So befinden sich auch die einzelnen Hochhäuser immer in Abhängigkeit zu anderen Gebäuden, dem Viertel und schließlich zur ganzen Stadt. In der Gruppe der schmalen, hochrechteckigen Hochhausarbeiten wird die Ambivalenz zwischen isolierter Architektur auf der einen und notwendiger Nachbarschaft und Einbettung auf der anderen Seite besonders deutlich. Verweist das Format auf ihre signifikante bauliche Gestalt, so verhindern die undurchdringlichen gläsernen Fassaden den Blick ins Innere der Gebäude. Auf sich selbst zurück geworfen, muss sich der Betrachter seines eigenen Standortes vergewissern. Wenn er dabei jedoch die gerne als „signature architecture“ bezeichneten Wolkenkratzer lediglich als Symbole des Geldes und der Macht deutet, übersieht er einen wichtigen, die Werke auszeichnenden Aspekt: die Analyse der ästhetischen Qualitäten der Architektur sowie Marina Herrmanns besonderes Gespür für Texturen, für farbliche und malerische Momente. 

Die Bilder spiegeln sowohl das komplexe Gefüge moderner Urbanität als auch – in der Wahl der Mittel und Methoden – den malerischen Diskurs. Der Ort des Motivs und dessen Verortung im Kunstwerk treten in einen anregenden, sich gegenseitig befruchtenden Dialog. Die Frage nach dem StandOrt stellt sich immer neu.

Prismatisch und Transparent – Marina Herrmanns Foliearbeiten

von Zdenek Primus

Um die Wirklichkeit objektiv betrachten zu können, bedarf der Einzelne mehrerer Sichtweisen, doch ohne die Sicht des Anderen bleibt es nur bei einem unzulänglichem Erscheinungsbild. Die Fotografie, immer noch als das neue Medium angesehen, bewirkt Beides, sie belegt einerseits einen Tatbestand, aber gleichzeitig erlaubt sie es nicht zu erkennen, was genau vor und nach dem Augenblick des Aufnehmen geschehen ist. Im Grunde haben wir eine nackte Szene von einer mehr oder minder interessanten Realität vor uns. Nun die ist bekanntermassen nur wenig anziehend.

Marina Herrmanns Folienarbeiten liegen Fotografien zu Grunde, die wenig mit der Realität zu tun haben, denn sie wurden im Computer farblich verfremdet. Meistens stark vergrössert, wirken sie abstrakt. Praktisch geht Herrmann auf folgende Weise vor: Sie hängt drei durchsichtige Folien 30 cm voneinander entfernt so, dass sie sich von vorne gesehen überlappen, aber von den Seiten gesehen auseinander gehen und dadurch neue Effekte und visuell unterschiedliche Bilder entstehen. Die beiden hinteren Folien sind mit Computer bearbeiteter Fotografie bedruckt, die immer nur Ausschnitte zeigt, als Quadrate oder Kreise angeordnet. Die vordere Folie ist mit der Hand bemalt. Das Bild als Ganze existiert nicht, weil es nicht ein Bild ist, sondern mehrere Sichweisen eines Bildes, das zusätzlich durch die Luftbewegung kinetische Qualitäten aufweist. Das Kunstwerk wird dadurch un-fassbar und wirkt dann auch visuell immateriell. Das Erscheinungsbild des Kunstwerkes wird, wie die allerorts vielangezweifelte Wirklichkeit: auch die scheint oft, als ob sie objektiv wäre, in Wirklichkeit aber ist sie nichts anders, als nur eine von vielen, deswegen auch trügerischen Sichtweisen. 

Nun, dies ist nur das abstrakte Abbild, eine nur angedeutete Interpretation, aber das Kunstwerk soll und ist es meistens auch, eine visuallisierte Idee von beträchtlicher, um nicht zu sagen grösstmöglicher ästhetischer Qualität sein. Die Folien von Marina Herrmann sind eindeutig als schön zu bezeichnen und anzusehen, und vermitteln uns eher ein konturunbestimmtes Gefühl, als eine nüchterne Gewissheit vom etwas Fassbaren. 

Sind wir also in der Lage das Kunstwerk, in diesem Falle beliebig eine der Foliarbeiten von Marina Herrmann zu interpretieren? Erzählimmanent sicher nicht, aber darum geht es der Autorin nicht. Das, was man sieht, ist nämlich das, was der Künstlerin “vor Augen schwebt”, wenn sie über ein künftiges Kunstwerk im Augenblick der Auslöserbetätigung, sinnt. Es ist also nur ein Schritt von vielen weiteren Schritten, die zur Fertigstellung des Kunstwerkes nötig sind. Oft 30 Fotos und mehr und die massgebliche erste, handbemalte Folie, machen das Ganze aus, doch was wir zu sehen bekommen ist wieder nur ein Erscheinungsbild von etwas Bekannten. Im keinen Falle kommt es seitens der Autorin zu einem erklärendem Versuch. Auch die verfremdeten Farben entnehmen der Materialität nur die Schwere und fordern primär ihr Leuchten auf den Folien. Durch sie schauen und sie als beinahe körperlos wahrzunehmen, ist dann das eigentliche Erlebnis. Die durch den Windzug verursachte Bewegung der leichten Folien nimmt der Farbe die verbliebene Substanz und übrig bleibt nur ein leichtes, schwebendes Substrat ihrer selbst. Das facettenreiche Kunstwerk wird zu einem nichfassbaren Erlebnis, einem Raumteiler, einem Prisma.

Zeit der Bilder

Marina Herrmann hat schon seit einigen Jahren das Rechteck, manchmal auch das Quadrat, im Programm. Ob es nun gemalt ist oder als fotografische Vorlage ausgedruckt – sie stellt es stets in einen größeren Zusammenhang. Am häufigsten werden auf diesem Weg Motive bearbeitet, die aus mehreren an einander anknüpfenden Holzkästen zusammengesetzt sind, welche wiederum ein großes Bildganzes bilden. Die Bezeichnungen dieser Bild-Objekte leitet die Künstlerin aus den Motiven der verwendeten Fotovorlagen her. Diese sind oft erst auf den zweiten Blick identifizierbar, und manchmal hat der Betrachter diese Möglichkeit gar nicht. Die Fotovorlagen werden stets am Computer bearbeitet – vor allem farblich – und beziehen sich auf die farbliche Abstufung der gemalten Elemente. Fast immer ist mindestens einer der Holzkästen in einer einheitlichen Farbe lasiert, und manchmal scheint die Holzstruktur durch. Andere Holzkästen haben die gemalte Struktur einfacher karierter, gestreifter oder organischer Motive wie von Textildesign. Betrachten wir ihre Zeichnungen, finden wir dort gerade Textil- oder Tapetenmotive. Als ob die Künstlerin immer noch unter dem inspirativen Einfluss des Ornaments stünde, dass sie in ihrer Kindheit um sich herum sah. Herrmann: „Die Oberfläche meiner Bilder ist nach außen mit Alcydharz versiegelt. So spiegelt sich die Welt des Betrachters ins Bild hinein und tritt als virtuelle Ebene zu den im Bild realen Ebenen. Wie unter Glas stellt jedes Bild eine Versuchsanordnung vor, in der freie Formen mit ordnenden Rastern um Vorherrschaft ringen.“

Die Installation Raffinerie, bestehend aus mit abstrakten Fotovorlagen bedruckten durchsichtigen Folien, hat einen völlig anderen visuellen Charakter. Drei Kunststofffolien sind in 50 cm Abstand von einander aufgehängt und so bedruckt, dass sich die Motive nur unregelmäßig überdecken. Angesichts der relativ ausdruckslosen Farben und der von den durchsichtigen Folien bewirkten "Nebligkeit" sowie der durch gelegentlich von einem Luftzug hervorgerufenen Bewegung wirkt die Arbeit fast immateriell.

Solche, zu einem großen Ganzen zusammengesetzte Arbeiten auf Holzkästen oder Kunststofffolien konkurrieren unter einander weder durch ihre Motive noch durch die Art der Bearbeitung, sondern hängen im Gegenteil farblich und motivisch von einander ab. Wie unterschiedlich Matthias Mücke und Marina Herrmann hinsichtlich Thema, Bearbeitung und schließlich Material auch sind, so nah sind sie sich in der Suche nach Ordnung und der Verwendung einer orthogonalen Gliederung.
 

Zdenek Primus

Katalogtext "Die ersten Jahre der Professionalität XX" 

Elisabeth Hartung

Marina Herrmann lockt den Betrachter mit wunderbar satten Farbtönen. Samtiges Rot paart sich mit Apfelgrün, blasses Violett mit Leuchtorange. Farbigkeit setzt sie in ihren Bildern emotional ein, gleichzeitig thematisiert sie Farbe durch Farbe. Farbe kann ihre eigene Wirkung entfalten und wird nicht zum Träger konzeptioneller Botschaften.

Für die aktuelle Ausstellung hat Marina Herrmann die über acht Meter lange, aus 16 Tafeln bestehende Arbeit "Carpe Diem" gemalt. Wolkenbilder und stark farbige Abbildungen von Autos in eigentümlicher riesenhafter Vegetation wechseln sich mit ruhigen, fast monochromen, mit konzentrierten Pinselstrichen entwickelten mehrschichtigen Bildern ab. Während sich das Auge angesichts der photografischen Abbildung der Realität sicher wähnt, scheint die ungegenständliche Malerei eine ganz andere Wirklichkeit zu repräsentieren. Doch auch angesichts des Fotos hat man nichts anderes als eine per Computer manipulierte und damit "konstruierte" Wirklichkeit vor Augen. Die Fotografie erzählt oder dokumentiert hier nichts, sie ist ein Wink für den Betrachter. Sie zeigt, dass die Wirklichkeit mit ihren mannigfaltigen Erscheinungen Ausgangspunkt der Bilder von Marina Herrmann ist, und zwar aller, auch der ungegenständlichen, denn alles Abstrakte entwickelt sich aus der Wirklichkeit und spiegelt sie im wörtlichen Sinn.

Solche Spiegelungen erzeugt Marina Herrmann mit glänzendem Alkydharz, das sie auf die mehrschichtigen Farbbilder aufträgt. So spiegelt sich der Betrachter im Werk und ebenso der Realraum. Alkydharz versiegelt also einerseits den Bildraum, andererseits öffnet er ihn zum realen Raum. So bildet er eine Art Grenze zwischen virtuellem und realem Raum.